|
Restposten |
Ankerpunkt - Das Bogensport-Cyber-Magazin für alle Bogensportfreunde |
Die
Geschichte Fred Bears (englisch)
....Für die Seele des Bogenjägers
Das Mufflon,
Kurzgeschichte von Robi Koch
Endlich stellte Ferry den Motor des
Ladas ab. Es war spät am Abend als wir die Jagdhütte
erreichten, die etwa zehn Kilometer vom nächsten Ort entfernt
lag. Im Sommer braucht man höchstens eine viertel Stunde zu
fahren, aber mitten im Winter, bei Schneetreiben, mit einer
Sichtweite von höchstens fünf Metern, dauerte die Fahrt
eben eine knappe Stunde. So langsam hatte ich die Schnauze von der
Fahrerei voll und Jim auch, das merkte ich an seinem Gebrummel. Jim
Gibson, Gl, schon jahrelang in Deutschland stationiert und immer
einen Fluch auf den Lippen, war mein Jagdfreund und genauso
bogensportverrückt wie ich. Es war ja auch kein Wunder, daß
Jim fluchte, immerhin waren wir schon fünfzehn Stunden
unterwegs. Zunächst über mehr oder weniger verschneite
Straßen von Deutschland nach Ungarn zu Ferry, einem
befreundeten Jäger, dann große Begrüßung,
schnell etwas essen und trinken, Gepäck umladen und weiter zur Hütte.
Na gut, jetzt waren wir hier, Ferry
sperrte die Tür auf. Es war eiskalt in der Hütte, aber es
gab genug Holz um Feuer zu machen und Ferry machte sich auch gleich
ans Werk, während Jim den Wagen auslud und ich die
Petroleumlampen anzündete. Der gußeiserne Herd strahlte
schon nach wenigen Minuten eine wunderbare Wärme ab. Wir
räumten noch unsere Sachen auf, dann ging ich hinaus, um einen
großen Topf mit Schnee zu füllen, setzte ihn auf die
Herdplatte, so hatten wir am nächsten Morgen Wasser für
Kaffee und zum Zähneputzen. Ferry öffnete eine Flasche
Roten aus Villany, dem besten Rotweingebiet Ungarns, wir setzten uns
an den Tisch und quatschten noch ein wenig, dann gingen wir zu Bett.
Ich schlief tief und fest, bis im
Traum mein Auto plötzlich Pedale hatte und ich zum Treten zu
faul war, dann wachte ich auf. Meine beiden Kumpels schliefen noch,
um halbsechs ist das auch normal, also bewegte ich mich leise zum
Ofen hin, um Holz nachzulegen. Der Ofen hatte noch Glut, so legte ich
erst etwas Reisig, danach die dickeren Prügel darauf.
Mittlerweile war auch Ferry aufgewacht. Nach einem kurzen
"Morgen" und einer mehr als dürftigen
Katzenwäsche; machte er das Frühstück. Ich ging wie
jeden Morgen erst einmal hinaus, um nach dem Wetter zu sehen. Es
hatte aufgehört zu schneien, dafür war es kalt, klirrend
kalt, minus zwölf Grad Celsius, absolut klare reine Luft, ebenso
der Himmel, sternenklar. Da die Hütte oben auf dem Hügel
stand, konnte ich über das ganze verschneite Tal schauen. Ein
herrlicher Anblick. Im Osten war der erste Silberstreif der langsam
aufgehenden Sonne zu sehen. Wird bestimmt ein schöner Tag,
dachte ich mir und ging wieder rein. Die ganze Hütte duftete
nach gebratenen Speck mit Eiern und Kaffee, dazu gabs geröstetes
Weißbrot, Butter, Honig und Obst. Ein richtiges
Frühstückeben, sollte auch so sein, denn es mußte bis
zum Abend reichen.
Während des Essens
erzählte uns Ferry von den Mufflons, über Verhaltensweisen,
Trophäenstärke, die Anzahl der Stücke und so weiter.
Wir hörten gut zu, denn Jim und ich hatten mit Mufflons noch
keinerlei Erfahrung. Nach dem Essen zogen wir uns warm an.
FleeceJacke und Hose, zwei warme Flanellhemden, zwei paar
Stümpfe, lange Unterwäsche, wasserdicht eingefettete
Lederstiefel, Gamaschen, gefütterte Handschuhe aus Leder und zum
Schluss eine Wollmütze, die Nacken und Hals bedeckte, jedoch das
Gesicht bis zum Mund frei lies. Den Armschutz und den
Schießhandschuh noch angezogen und fertig waren wir. In meinem
Rucksack verstaute ich noch eine Thermosflasche mit heißem Tee,
eine Tafel Schokolade, eine lange, starke Nylonschnur, einen starken
Plastiksack, ein "Erste Hilfe" Päckchen,
Streichhölzer und meine Zigarren.
Jim hatte seinen Bogen schon
gespannt und draußen eine Scheibe aufgestellt um sich etwas
einzuschießen. Ich tat das Gleiche, nur mal eben ein paar
Schuß um warm zu werden und zur Kontrolle, während Ferry
den Frühstückstisch abräumte, danach zeigte er uns auf
einer Wanderkarte den Weg zu der Stelle, an der er Muffelwild
vermutete. Jim und ich schauten uns die Karte genau an, danach
machten wir uns auf den Weg.
Wir marschierten zuerst auf den
Berg, dessen Plateau etwa vierhundert Meter von der Hütte
entfernt war. Die Pirsch führte uns quer durch den verschneiten
Eichenwald und schon nach wenigen Metern sahen wir die frischen
Spuren eines Fuchses, die talwärts führten. Ich fragte
Ferry, ob es möglich wäre, einen Luderplatz anzulegen, um
Reinecke bei einem Nachtansitz zu erlegen. "Nix Problem",
meinte er und stampfte weiter durch den Schnee. "Gut",
dachte ich und marschierte hinterher. Jim hatte es am leichtesten, er
brauchte nur in unserer Spur zu bleiben. So stampften wir weiter, wie
eine Seilschaft am Mount Everest dem Gipfel, sprich dem
höchstgelegenen Punkt des Berges, zu.
Oben angelangt, machten wir eine
kleine Pause, dann marschierten wir den Kamm entlang, so einen
Kilometer in nördliche Richtung, bis wir an eine Fichtenschonung
kamen. Ferry nahm sein Fernglas an die Augen und schaute an der
Schonung entlang hinunter ins Tal. Er deutete mit der Hand zum
gegenüberliegenden Hügel und meinte, daß dort oben
unser Jagdgebiet sei. So stampften wir weiter durch den Schnee an dem
Fichtenwäldchen entlang, ins Tal, das im Sommer eine große,
grüne Wiese war und durch die sich ein kleiner Bach seinen Weg bahnte.
An der anderen Seite des Tales ging
es dann wieder durch Mischwald hinauf auf den Berg. Dort oben nahm
Ferry sein Fernglas und schaute eine Waldschneise entlang nach unten,
um Wild zu entdecken. Derweil prüfte Jim den Wind mit feiner
Asche, die er am Morgen aus dem Aschekasten des Ofens entnahm und in
einer leeren Filmdose aufbewarte. Der Wind kam von westlicher
Richtung, ganz schwach, so das man ihn kaum bemerkte, den Hang
herauf. Ideal, einfach ideal. Nicht so ideal war, daß Ferry
kein Wild endeckte. So nahm ich mein Fernglas an die Augen und suchte
die andere Seite der Schneise ab. Auch ich entdeckte nichts, also
hieß es abwarten. Dies war auch Ferrys Meinung, und der
mußte es ja wissen. Ich lehnte meinen Recurvebogen an einen
Baum, nahm meinen Rucksack ab und nahm meine Zigarren heraus. Ferry
schaute auf den Thermometer, der am Reißverschluss meiner Jacke
hing. Minus neun Grad, es war etwas wärmer geworden, jetzt um
zehn Uhr. Jim wischte den Schnee von einer umgefallenen Fichte, nahm
eine Decke aus seinem Rucksack, dann setzten wir uns hin und harrten
der Dinge, die da kommen sollten.
Jetzt hatte ich Zeit, mir die
Gegend einmal im Winter anzuschauen, im Sommer kannte ich sie schon
zur Genüge. Wir sind hier acht Tage herumgestreift, wobei ich an
einem heissen Tag einen guten Rehbock erlegen konnte. Die
Sträucher von Himbeere und Brombeere waren total eingeschneit,
auch die hohen Farne waren nicht mehr zu sehen, einzig die mannshohen
Findlinge standen da und hatten ein Käppchen von Schnee oben auf
und natürlich die Fichten, die vereinzelt in der Schneise
standen. Die Gegend sah aus, als wäre sie mit Puderzucker
bestäubt und der Schnee glitzerte in der Morgensonne, die sich
langsam über den Berg erhob. Wunderschöne Schattenspiele
projizierte die tiefstehende Wintersonne in den lichten Mischwald und
still war es, sehr still.
Gerade als ich so schön in
Gedanken versunken den blauen Himmel anschaute, gab Ferry mir einen
leichten Stoss in die Seite, nahm sein Fernglas hoch und zeigte mit
der Hand auf einen etwa zweihundert Meter weit entfernten, sich
scheinbar bewegenden, schwarzen Fleck. Jim schaute zu mir her und
sagte "Sauen", nahm sein Fernglas an die Augen und blickte
in die Richtung, in die Ferrys Hand deutete. Plötzlich war ich
hellwach, nahm ebenfalls das Glas und suchte am Waldrand entlang nach
der Rotte. Gut fünf Bachen konnte ich ausmachen, dazu mindestens
zwölf bis vierzehn starke Frischlinge, die man an den
bräunlichroten Längstreifen ihrer Winterschwarte erkennen
konnte. Durch den Schnee brechend, trotte die Rotte quer über
die Schneise ins Tal. Wir beobachteten sie eine Weile bis sie wieder
im Wald verschwunden waren, dann schauten wir wieder nach Mufflons.
Nach etwa zehn Minuten warten, sah ich genau an der Stelle, wo die
Rotte im Wald verschwunden war, sich etwas bewegen. Wieder nahm ich
mein Glas an die Augen und schaute den Waldrand entlang, da sah ich
sie, Mufflons, ein Trupp von sechs Widdern, die vertraut aus dem Wald
heraustraten. Ferry und Jim hatten sie auch schon gesehen. Im Moment
versuchte ich die Widder nach ihren Merkmalen zu unterscheiden, das
heißt waidmännisch "ansprechen". Ein Kapitaler
war unter ihnen, so im zehnten, elften Jahr, voll gedrehte Schnecken
und wesentlich grauer im Gesicht als die anderen. Er hatte eine
schöne dunkelbraun gefärbte Decke mit reinweißem
Sattelfeck. Dann waren da noch drei Widder so ums achte Jahr und zwei
Stück zwischen fünftem und sechstem Jahr, von denen sich
einer als "Einwachser" herausstellte, was bedeutet,
daß ihm die Hörner anfingen in den Hals einzuwachsen und
dieses für den Widder früher oder später ein
qualvolles Ende bedeutet. Ich sagte Ferry daß ich den
Binwachser haben wollte. Sofort gab er sein OK dazu und stelze auch
gleich noch den Kapitalen frei, alle anderen waren tabu. Also
abgemacht, Jim pirschte sich auf der linken Seite der Schneise an,
ich auf der rechten Seite. Der Wind stand immer noch sehr gut für
uns, so daß wir beim Pirschen nur auf gute Deckung achten
mußten. Ferry blieb oben und beobachtete uns. Jetzt gings los,
die Spannung ließ meinen Atem schneller gehen, langsam jeden
Baum oder Busch als Deckung nutzend, versuchte ich die zweihundert
Meter hinter mich zu bringen. Zwischendurch beobachte ich den
Widdertrupp beim Äsen, Wiederkäuen und Sonnen. Fast schien
es, als wollten sie den ganzen Tag auf der Schneise verbringen. Jim,
der auf der anderen Seite pirschte, war ungefähr auf gleicher
Höhe wie ich. Er hatte noch etwa siebzig Meter bis zum Wild, ich
runde fünfzig Meter. Hinter einer dicken Eiche zog ich meinen
rechten Handschuh aus, darunter trug ich den Schießhandschuh.
Nun wird´s ernst und ich
merkte, wie mein Herz schneller zu schlagen begann. Ich schaute
hinter dem Baum hervor beobachtete das Wild, ging in die Knie und
robbte durch den Schnee zum nächsten Baum. So machte ich dies,
bis ich auf Schußentfernung, zirka zwanzig bis
fünfundzwanzig Meter, hinter einem Findling kniete. Langsam nahm
ich einen Pfeil aus dem Bogenköcher und nockte ihn in die Sehne
meines Recurvebogens ein.
Der "Einwachser" lag auf
dem Boden und käute wieder, der Kapitale stand als einziger und
sicherte Richtung Tal hinunter. Ich wollte jedoch den jungen Widder
mit den einwachsenden Hörnern haben, also mußte ich mich
in Geduld fassen und abwarten, bis das Mufflon stand. Plötzlich
drehte er sich auf den Rücken, scheuerte sich, drehte sich
wieder, stand auf und schüttelte sein Haupt. Er stand schräg
mit dem Hinterteil zu mir, bückte sich und scharrte mit dem
Vorderlauf im Schnee, in diesem Moment ließ ich den Pfeil
fliegen. Ich sah, wie der Holzpfeil mit seinen roten Federn im
Tierkörper verschwand. Der Widder zuckte nach unten zusammen,
stellte sich breitbeinig hin und sicherte ins Tal. Der komplette
Trupp trollte sich den Hang hinauf, wo Jim sie erwartete.
Für mich war die Jagd
zunächst vorbei. Ich lehnte mich an den Fels und versuchte,
meinen Atem zu beruhigen, dann brannte ich mir eine Zigarre an. Als
ich ein paar Züge geraucht hatte, trat ich hinter dem Fels
hervor. Die Widder waren im Wald verschwunden. Ich ging hinunter zum
Anschuß, um Schweiß zu suchen und fand auch welchen.
Dunkelrot zeichnete sich die Blutspur im Schnee ab. Ich sah der Spur
nach, als mir Jim auf der anderen Seite winkte. Er ging auf mich zu,
während ich der Spur nachging. Nach einer Weile stand Jim bei
mir, klopfte mir auf die Schulter und fragte mit einem breiten
Grinsen im Gesicht "Na?" Ich sagte ihm was passiert war und
Jim erzähte mir, daß er den Kapitalen erwischt hatte. Die
Widder trotteten noch keine zehn Meter an ihm vorbei. Der Schuß
war kein Problem, er traf genau die Kammer. Jim zeigte mir seinen
Pfeil, der voll hellroten Schweißes war. In der Zwischenzeit
war auch Ferry zu uns gestoßen. Er brachte unsere Rucksäcke
und teilte uns sofort mit, wo die beiden Widder lagen. Ich bot jedem
eine Zigarre an, und rauchend folgten wir der Schweißspur bis
zu unserer Beute.
Etwa dreißig Meter vom
Anschuss entfernt, lag mein Widder. Eine Weile blieb ich mit meinen
Gedanken vor dem toten Tier stehen, dann gab ich dem Widder den
letzten Bissen und ich steckte mir den Bruch in die aufgerollte
Mütze. Man sah deutlich das schon abgeschabte Fell auf der
rechten Seite des Halses. Es hätte sicherlich nicht mal bis zum
Frühjahr gedauert, und das Wildschaf wäre unter furchtbaren
Qualen eingegangen. Der Pfeil steckte noch im Tier, er durchbohrte
Leber und Lunge, bevor er in einem Brustwirbel stecken blieb. Jim und
Ferry gingen weiter, den Kapitalen suchen. Ich machte mich ans
Ausweiden des Tieres. Den Aufbruch gab ich in einen Plastiksack,
schnürte ihn gut zu, denn ich brauchte ihn, um einen Luderplatz
für den Winterfuchs anzulegen. Ich nahm den Widder und den
Aufbruchsack, steckte beides in den Rucksack, schnallte mir den
Rucksack um, nahm meinen Bogen und stiefelte durch den Schnee zu
meinen Freunden. Diese warteten schon bei dem aufgebrochenen
Kapitalen auf mich. Gemeinsam gingen wir zurück zur Hütte,
um einen erlebnisreichen Tag bei Mufflongulasch und Rotwein
ausklingen zu lassen.